Unbenannt-1

Ich fand #NetzFragtMerkel gut.

Meinungen sind gut, konstruktive Kritik ist besser. Doch nach dem Interview mit Angela Merkel trifft das Video von LeFloid von allen Seiten auf Kritik: Netzaktivisten, Journalisten, Politik-„Experten“ ringen drum möglichst ausgefallene Beschimpfungen zur Aktion zu finden. Dabei lief alles doch eigentlich sehr souverän ab. Die Reaktion zeigt deutlich welche Probleme, Definitionen und Sonstiges die oben erwähnten Akteure sich selber in den Weg stellen. Ein paar Stimmen zu #NetzFragtMerkel:

FRANK LÜBBERDING (FAZ): „Es reicht schon die Unkenntnis journalistischer Standards, um die schönsten PR-Geschichten zu publizieren. Um nichts anderes handelte es sich in dieser Fragestunde von Mundt, die man beim besten Willen nicht Interview nennen kann.“

FRANK LÜBBERDING (FAZ): „Mundt machte den klassischen Fehler in Interviews. Er gibt seine eigene Meinung zum besten – und stimmt dann noch der Kanzlerin andauernd zu.“

Ich kann gar nicht in Worte fassen wie dieses Zitat von Lübberding auf mich wirkt. Meine Manieren schreien danach im letzten Satz noch „von Herrn“ zu editieren, aber wenn man schon so abwertend „von Mundt“ schreibt, schreit es doch nach Gleichberechtigung! Sehr deutlich wird ebenfalls die abwertende Stellung den ominösen „PR“ gegenüber. Zwischen den Zeilen verbirgt sich die Meinung, dass Public Relations den journalistischen Standards nicht genügen und es somit vollkommen in Ordnung sei, dass diese von Journalisten von oben herab behandelt werden. Dafür gibt es jedoch keinen Grund, denn Journalismus ist nicht PR und PR ist kein Journalismus. Wenn sich beide Berufsgruppen wenigstens ein bisschen mit Respekt behandeln würden, würde PR nicht darüber schimpen, dass Journalismus nach Nadeln im Heusack sucht und die Journalisten würden nicht die Meinung verbreiten, dass PR doch nur Werbung sei. Doch um wieder zurück zum Thema zu kommen: Was ist eigentlich ein Interview? Ein Interview ist im Grunde genommen nur eine Befragung einer Person und vor allem die anwesenden Journalisten sollten es eigentlich wissen, dass es mehrere Interviewverfahren gibt. Nur um ein paar zu nennen: narratives Interview, Leitfadeninterview. Den journalistischen Standards alle Ehre, aber die Aussage dass „diese Fragestunde“ kein Interview sei ist einfach falsch.

FRANK LÜBBERDING (FAZ): „Unter journalistischen Gesichtspunkten war diese Fragestunde ein Desaster. Mundt machte alles falsch, was ein Anfänger falsch machen könnte.“

RICHARD GUTJAHR (BR): „Florian Mund hat nie vor sich behauptet ein Journalist zu sein, geschweige denn ein zu wollen. *hämisch grins* Das ehrt ihn. Genau hier liegt das Problem.“

Selbstverständlich legt ein perfektes journalistisches Interview andere Ansprüche an den Tag als eine Befragung als solche. Doch wir dürfen es nicht aus den Augen verlieren, dass LeFloid kein Journalist ist und es auch nicht drauf anlegt einer zu sein. Er studiert Psychologie und ist glücklich damit. Nur weil nach dem Telemediengesetz gefühlt alles im Netz als „redaktionelle Inhalte“ eingestuft wird ist es noch lange kein Journalismus. Meistens will es auch kein Journalismus sein. Und das ist auch gut so.


Auch wenn ich um derFreitag sonst gerne einen Bogen mache, hat der „Freitag-Community-Mitglied“ CHRISTIAN P. KROHNE zu dieser Diskussion etwas ganz wichtiges beizutragen:

CHRISTIAN P. KROHNE (derFreitag): „[…] wer allerdings (pseudo?) investigativen Journalismus erwartet, sollte lieber bei den etablierten Kollegen Will, Jauch und Co. einschalten, denn LeFloid und Merkel wollten mit ihrem Format eine Brücke zur Jugend schlagen, diese riesige, fremde Welt, die die Politikbühne für einen 15-Jährigen nun mal ist.“

Lübberding lässt allerdings nicht nach und regt sich nun nicht nur über die journalistische Qualität der „Fragerunde“, sondern hinterfragt im Bezug auf die Meinung von LeFloid ganz polemisch: „Wen interessiert das?“ .

FRANK LÜBBERDING (FAZ): „Entweder durch ein apodiktisches „Absolut“ oder wie beim Thema Legalisierung von Cannabis durch eine Selbstauskunft bezüglich seines Konsums illegaler Drogen. Er sei vom bestehenden Verbot nicht betroffen und könne daher „mit der Meinung der Kanzlerin sehr gut leben.“ Nur wen interessiert das?“

Das Video von LeFloid wurde in der erster Linie für sein Publikum, seine Abonnenten produziert. In seinen Videos scheut er sich auch nie vor seiner eigenen Meinung, warum soll er sich nun bei der Bundeskanzlerin verstellen? Während solch peinliche Projekte wie 3sechzich von WDR versuchen wie LeFloid zu sein, kritisieren nun die abgehobenen Journalisten genau das – dass LeFloid LeFloid bleibt. Mich interessiert das. DerFreitag offensichtlich auch:

CHRISTIAN P. KROHNE (derFreitag): „LeFloids Format besitzt nicht die journalistischen Ansprüche einer Zeitung oder einer Polit-Talksendung. Gerade dieser Umstand hat das Interview allerdings interessant gemacht […].“

CHRISTIAN P. KROHNE (derFreitag): „Dass ein Youtube-Vlogger allerdings die Möglichkeit bekommen hat, ein Interview mit einer der mächtigsten Frauen der Welt zu führen, scheint die Generation Blog […] auf eine Ebene mit dem klassischen Journalismus gestellt zu haben. Das scheint Ängste zu schüren.“

Andere Kritiker nehmen den anderen Weg. Sie verteidigen LeFloid und lassen ihren Frust an der Bundeskanzlerin aus, was allerdings sehr schnell in das übliche Merkel-Bashing ausrastet, wofür ich auch keinerlei Verständnis mehr habe. Außerdem habe ich stilistisch ein Problem damit: das ist in meinen Augen weder Journalismus, noch logisch argumentiert. Auch mit dem Zaunpfahl mit Manieren würde ich an dieser Stelle gerne winken und meinen virtuellen Hut vor LeFloid ziehen:

JOHNNY HAEUSLER (WIRED.DE): „Wären ihm nicht ein paar kleine, subtile Tricks gelungen, durch die man die geradezu arrogante Grundhaltung der Bundeskanzlerin ihrem Volk gegenüber deutlich erkennen konnte.“

JOHNNY HAEUSLER (WIRED.DE): „Zuhören ist nicht ihre Stärke. Die Sorgen und Bedürfnisse, die junge und ältere Menschen in Form von Fragen bei der Aktion eingereicht haben, sie werden allesamt abgewiegelt.“

Argumentum ad hominem.

JOHNNY HAEUSLER (WIRED.DE): „Eine Legalisierung von Marihuana wird es nämlich unter Merkel ebensowenig geben wie die Ehe für Homosexuelle. Sie betont das, und verstrickt sich dabei in begrifflichem Hin und Her.“

Argumentum ad populum.

An dieser Stelle weiß ich gar nicht was ihr alle habt.

ANGELA MERKEL: „Ich bin jemand, der sehr stark dafür ist, dass wir Diskriminierungen abbauen […]. Wir haben viel geschafft, wenn ich denke vor 25 Jahren haben sich noch nicht so viele getraut zu sagen wenn sie schwul oder lesbisch sind. Da sind wir Gott sei Dank drüber hinweg.“

Das ist wahr.

ANGELA MERKEL: „Für mich persönlich ist Ehe ein Zusammenleben von Mann und Frau. Das ist meine Vorstellung.“

Das ist Merkels PERSÖNLICHE Vorstellung von Ehe. Und das ist okay so. Die Guteste ist eben keine 27 Jahre alt mehr. Sie ist in einer anderen Gesellschaft erzogen worden und aufgewachsen als wir. Eben in einer Gesellschaft, in der es nicht möglich war sich als queer zu outen. Diese Entwicklung braucht nicht nur Zeit in der Politik, sondern auch in den Menschen selber und geht umso schneller voran umso mehr Berührungspunkte es mit dem Thema gibt. Und es ist nicht einfach, weil es nun mal wirklich viele Mythen und Quatsch zum Thema verbreitet wird. Mein PERSÖNLICHES Beispiel an dieser Stelle: Vor etwa 7 Jahre outete sich eine Freundin bei mir als lesbisch. Große Hilfe war ich zu meiner Schande nicht: ich meinte es wäre eine Phase und sie beschimpfte mich „konservativ“. Unserer Freundschaft stand dies jedoch nie im Weg. Ich bin immer noch konservativ ausgerichtet, setze mich jedoch für die LGBTQ+ Rechte ein. Das braucht Zeit.

ANGELA MERKEL: „Ich glaube man muss es auch akzeptieren, dass es hierzu auch unterschiedliche Meinungen gibt. Ich sage meine […] und darüber gibt es in der Gesellschaft unterschiedliche Meinungen. Selbst bei mir in der Partei. In der CDU gibt es unterschiedliche Meinungen, in der Regierung gibt es unterschiedliche Meinungen. Das muss man eine Weile dann einfach aushalten.“

Das ist wichtig. Es ist sicherlich moralisch verwerflich, dass gleichgeschlechtliche Ehe bei uns in Deutschland immer noch nicht selbstverständlich ist. Meist betrifft es eben die Generation, welche in ihre „Rolle“ hinein erzogen wurde. Meine Mama versteht und akzeptiert meine Begeisterung für #Ehefüralle auch nicht. Sie findet das nicht in Ordnung. Und so geht es bestimmt den meisten aus der älteren Generation. Und das ist ok. Das muss man nicht tolerieren oder damit einverstanden sein. Aber das muss man eben eine Weile aushalten. Die Stellung meiner Mama zur Homosexualität hat sich in letzten Jahren auch sehr stark gewandelt, auch wenn sie immer noch kein Verständnis dafür hat und ich bei manchem ihrer Kommentare vor Scham am liebsten im Boden versinken würde oder hämische ne Regenbogen Flagge hissen würde. Das ist ein Generationenkonflikt.

JOHNNY HAEUSLER (WIRED.DE): „Dass LeFloid die Herausforderung dennoch angenommen und nicht gekniffen hat, was sicher leichter gewesen wäre, bleibt ein wichtiges Signal in Zeiten, in denen es beliebter ist, ins Netz zu kotzen, als sich schwierigen Aufgaben zu stellen.“

Wahr.

Im Gegensatz zu den Videos von LeFloid wirkt der Videokommentar von RICHARD GUTJAHR (BR) mehr als nur aufgesetzt und lächerlich. Als ob Herr Gutjahr, wie auch schon WDR 3sechzich zuvor, einen auf LeFloid machen würde. Schade nur, dass das Video auf einer falschen Plattform hochgeladen wurde – auf tagesschau.de statt auf youtube.com.

Kommentar der Tagesschau.

RICHARD GUTJAHR (BR): „Sprichwörtlich ein Heimspiel für die Kanzlerin.“

…und ein Fall für die Floskelwolke mit Beileid für die journalistischen Standarde.

RICHARD GUTJAHR (BR): „Anders als in seinen Action-News aus dem eigenem Schlafzimmer […].“

Ja, Herr Gutjahr. Das sagt man ausgerechnet als jemand, der wirklich sehr schlecht von einem Greenscreen ausgeschnitten und ohne Weißabgleich und Farbenkorrektur in die Szene gesetzt wurde? Dann lieber schon nettes Schlafzimmer mit einer angenehmen Tiefenschärfe. (Bitte die weißen Ränder beachten.)

Screenshot_14

 

Das ist natürlich mehr als ironisch, dass ausgerechnet Richard Gutjahr es LeFloid vorwirft mit seinem unseriosen Internetaufenthalt nicht den, von Gutjahr geschätzten journalistischen Standards gewachsen zu sein. Doch genau so ein unserioser Auftritt hat es Gutjahr im Jahr 2010 zu seinem Durchbruch verholfen: er ist nämlich „„the guy who got the first iPad“.

RICHARD GUTJAHR (BR): „Wie hätte wohl Tilo Jung in so einer Situation reagiert?“

Zum Glück werden wir dies nie erfahren. Als ich dachte, dass man mit den „naiven“ Fragen indem man den Politiker die Fragen stellt, welche entweder zur Allgemeinbildung gehören oder dazu dienen den Gesprächspartner zu dedunzieren oder zur Interviewvorbereitung gehören bereits den Abgrund der Intelligenz erreicht hat, bricht das neue Projekt von Tilo Jung weitere Lanzen für die Bundesregierung. Mit dem Projekt Cybertreport ist Jung eine Kunstfigur und ein Clown zugleich. Ein Fall fürs Fremdschämen.

 

Nach #NetzFragtMerkel bleibt vor allem eins: ein bitterer Nachgeschmack über die Medienbranche in Deutschland. Gefühlt hat jeder Ansprüche an alle, versucht aber selber jemand anderen zu imitieren. Und jeder weiß es besser (Zitat zum Journalisten-Bashing):

ANDREA DIENER (FAZ): „Ich bin Journalist. Das bedeutet, dass so ungefähr jeder meiner Leser glaubt, meinen Job fünfmal besser erledigen zu können als ich, es aber nicht tut, weil er das Gehalt zu mickrig findet. Und da bleibt ihm nur eins: Beschimpfung.“

Liebe Medien, wie soll man den euch vertrauen, wenn ihr euch gegenseitig nicht vertraut? Wenn ihr das gleiche Bashing an den Tag legt, den man sonst nur aus Trollfabriken der russischen Regierung kennt? Wie tief ist eurer Selbstwertgefühl, wenn ihr euch in eurer Professionalität von einem Youtube-Vlogger verletzt fühlt und dabei wie getroffene Hunde bellt.

Warum?