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Deutsche Presse versagt in der Ukraine.

Seit Beginn der Demonstrationen in Kiew berichtet die deutsche Presse eifrig darüber. Für mich, einer gebürtigen Kiewern, ist es natürlich ein Grund zur Freude. Jedoch das, was berichtet wird, und wie, die meisten deutsche Leser darauf reagieren, macht mich stutzig. Liebe deutsche Journalisten, die Live aus Kiew berichten, bitten nehmen Sie meine Worte nicht persönlich – ich will Sie keineswegs angreifen. Auch erwarte ich es nicht von Ihnen, dass Sie sich in die erste Reihe des Aufstands begeben, und rate es natürlich nicht, außer Sie sind ein Adrenalinjunkie.

Warum deutsche Presse in der Ukraine versagt:

Massenmedien können deutlich mehr als nur Bericht zu erstatten. Leider sind diese oft einfach auf Klicks und Kaufzahlen fixiert. Warum sonst wird in jeder Berichterstattung über Kiew eines der folgenden Schlagwörter benutzt: „Klitschko“, „EU“, „Faschisten“, „Nationalisten“, etc.? Weil es Begriffe sind, mit denen die meisten Deutschen etwas anfangen können und eine Stellung dazu haben. Die Kommentare darauf sind also ausnahmslos gleich: „Klitschko soll lieber Boxen“, „EU ist eh scheisse“, „EU ist rechts“, „EU unterstützt Faschisten“, „Nazisten stürmen eine demokratisch gewählte Regierung“, „Klitschko wird eh von Deutschland finanziert“, „Klitschko verbündet sich mit Faschisten und wird von Deutschland finanziert“, und so weiter.

Was aber die deutschen Medien auslassen: um das alles geht es in der Ukraine schon lange nicht mehr.

Sowas macht man nicht!

Zugegeben kann ich bei der ganzen Lage nicht objektiv bleiben – auch wenn ich es wollte. Meine Meinung ist es jedoch, dass man hier auch nicht objektiv bleiben darf, sonst vertritt man zwangsläufig eine Stellungnahme. Doch trotz meiner ukrainischen Wurzeln (und ich bitte um Entschuldigung – ich kämpfe immer noch mit der deutschen Grammatik und Zeichensetzung) kann ich viele Tatsachen nicht so stehen lassen. Nicht, weil ich irgendetwas gegen die deutsche Presse habe, auch nicht, weil ich mich für eine unmoralische Hetze gegen mein Heimatland vor der EM2012 rächen will, sondern weil man sowas einfach nicht macht!

Die Kiewer Barrikaden werden immer nachgebessert. Von den brennenden Reifen steigt schwarzer Rauch. Die Versuche die Brände zu löschen bleibt erfolglos. (c)  Илья Варламов | http://zyalt.livejournal.com/
Die Kiewer Barrikaden werden immer nachgebessert. Von den brennenden Reifen steigt schwarzer Rauch. Die Versuche die Brände zu löschen bleiben erfolglos.
(c) Илья Варламов | http://zyalt.livejournal.com/

Faschisten. Überall nur Faschisten – oder doch nicht?

Ich unterstelle es keinem nicht genug recherchiert zu haben, aber ich gestatte es keinem eine öffentliche Meinung der deutschen Leser dermaßen zu verzerren. Dass man bei irgendwelchen Unruhen irgendwo rechte Szene findet und irgendjemand anfängt Swastiken irgendwohin zu sprayen ist kein ukrainisches Phänomen. Auch in Deutschland findet man genug Swastiken an den Wänden, wenn man genauer hinsieht. Ja, genau! In Deutschland! In einem Land, wo der Nationalstolz ein tabu Thema ist. Ja, Deutschland hat eben eine spezifische Geschichte und genau deswegen darf man, als ein Journalist, nicht unbedacht die Wörter „Faschist“, „Nazi“ o.ä. im Bezug auf die anderen Völker fallen lassen. Ein unbedachtes Wort von Ihnen und alle Leser reden von einem „faschistischen“ Mob, der die Regierung stürzen will. Tatsächlich streitet man sich in der Ukraine bis heute, ob Stephan Bandera, der Held der rechten Bewegung in der Ukraine, ein Faschist war oder nicht. Über die Tätigkeiten der ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), deren schwarz-rote-Flaggen nun überall in Kiew befestigt werden, streiten sich Historiker – nicht Journalisten. Ja, auch mir ist es nicht immer wohl, wenn jemand vor mir „Ehre für die Nation! Tod den Feinden“ ruft. Wenn ich aber die Geschichte der Ukraine im Hinterkopf aufrufe, kann ich sie nicht dafür verurteilen und dulde es auch bei keinem.

Der europäische Klitschko und die Opposition auf dem #Euromaidan.

Die Opposition, bezahlt vom europäischen Geld, führt das Land in die EU. Oder so. Darum geht es aber schon lange nicht in der Ukraine. Ja, das Volk will der EU angehören. Aber nicht, weil man dann von irgendjemandem Geld leihen darf, sondern weil dort Werte herrschen, die viele Ukrainer anstreben: neutrale Justiz, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, keine Korruption, eine Regierung, die das Volk statt der eigener Geldbörse vertritt. Der Begriff „Sozialtourismus“ steht bedrohlich in der Luft. Entweder sind viele der Meinung, sie würden plötzlich eine Goldgrube betreten, oder aber, weil EU sie angeblich als „Billigkraft“ missbrauchen will. Und weil es ja alles so kompliziert sei, bleiben wir doch einfach bei Mütterchen Russland.

Eine Regierung, die das Volk vertritt. Das ist etwas, was die Demonstranten von der Opposition erwartet haben. Die Opposition hat jedoch nicht die Leute zusammen gerufen – es war der Journalist Mustafa Nayem. Das Volk auf dem Unabhängigkeitsplatz entscheidete es ob die Politiker reden dürfen und ob sie zu den Gesprächen mit dem Präsidenten erscheinen. Das Volk erwartete von Ihnen auch eine Veränderung und als die Politiker zwei Monate lang keine Ergebnisse liefern konnten, bekam eben auch der europäische Liebling Klitschko eine klare Botschaft – festliche Besprühung aus dem Feuerlöscher.
Das was in Kiew jetzt passiert, hat weder was mit der EU, Klitschko, noch mit den Faschisten zu tun.

Das Volk kämpft nicht für Klitschko, nicht für Bandera, nicht für die EU. Das Volk kämpft gegen das Regime, gegen die kommende Diktatur Kremls.

Dem Volk reicht es einfach.

  • Euromaidan Deutsch

    Deinen Worten ist nichts hinzuzufügen. Diese ständige deutsche „Faschisten überall“-Rhetorik geht mir gewaltig auf die Nerven. Und die Medien berichten mit wenigen Ausnahmen genau so wie Du es schreibst.